"Ich lebe! Ich habe Festland unter den Füßen! Ich lebe!"
Das waren meine Worte. Gesagt habe ich sie um exakt 13:34 Uhr. Und sie waren ernst gemeint.
Was war geschehen?
Wie so ziemlich jeden Samstag stand im Zuge der Schleswig-Holstein-Topographie auch heute der Besuch einer Gemeinde an. Kreis Nordfriesland. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn es sich bei dieser Gemeinde nicht um die kleinste Gemeinde der Bundesrepublik halten würde. Das alleine würde eigentlich schon reichen. Aber noch etwas ist außergewöhnlich: Es handelt sich um eine Hallig. Hallig Gröde um genau zu sein. Sie zählt 19 Einwohner und ist die einzige Gemeinde in Schleswig-Holstein, in der wir 100 Prozent der Haushalte mit unserer Zeitung beliefern. Da konnten wir es uns imagetechnisch natürlich nicht nehmen lassen, alles daran zu setzen, auch diese Gemeinde zu besuchen. Nachdem aber alle Reedereien eine Fahrt im Winter abgelehnt hatten, kam mir diese Idee: Irgendwie muss doch auch die Post auf die Halligen kommen!? Und nach einem kurzen Telefonat mit der Post in Husum hatte ich die Telefonnummer von Herrn Nissen. Fiede Nissen. Seines Zeichens "freier Spediteur". Anders: Er fährt seit 26 Jahren die Post mit einem kleinen Schiffchen auf die Halligen der Nordsee. Er erklärte sich kurzerhand bereit, mich und meinen Kollegen aus Kiel mit auf die Hallig zu nehmen, wenn es das Wetter zulässt ("manchmal ist dat doch schööön pustich hier..."). Rasch waren alle Formalitäten erledigt, der Termin konnte kommen. Schnell noch ein paar Nikolausgeschenke für die 7 Kinder auf der Hallig besorgt (die haben für 3 Schüler eine eigene Lehrerin, die die Kinder in einem Zimmer in ihrem Haus unterrichtet!) und viel Platz für eine große Reportage bei der Redaktion organisiert.
Gestern Abend dann die erste Ernüchterung: Orkanwarnung für die Ostsee, Sturmwarnung für die Nordsee. Und ein Blick aus dem Fenster machte schnell klar, dass dies kein Irrtum war.
Innerlich darauf eingestellt, dass es eh nichts werden würde, machte ich mich heute morgen dennoch bei strahlendem Sonnenschein und Windstärke 6 auf den Weg nach Schlüttsiel. Dort traf ich dann bald auf Kapitän Fiede. Und mal ehrlich: Wäre es nicht eine große Enttäuschung, wenn ein alter Postschipper namens Fiede nicht aussehen würde wie ein alter Seebär? Wäre es. Aber er enttäuschte uns nicht. Gummistiefel, Blaumann, dicke Weste, Mütze und natürlich ein dicker Vollbart. Mit einem fröhlichen "Moin Jungs, willkommen an Bord, ich hoffe ihr seid schwindelfrei!" hieß er uns willkommen. Wir äußersten uns reichlich skeptisch über das aktuelle Wetter und warfen besorgte Blicke auf die sich vor uns aufbauenden Wellen. "Jo! Da habt ihr wohl Recht! Dat is absoluter Grenzbereich bei Stärke 8! Ich war schon sicher, ich müsste die Fahrt absagen. Aber auf der Hallig warten ja schon alle. Gut festhalten!". Und bevor wir ein Wort des Widerspruchs einlegen konnten, ging es auch schon los. Wir hatten es uns erst "an Deck" gemütlich gemacht, sind aber schon nach ca. 3 Sekunden zu Fiede rein, weil man draußen sonst kurzerhand über Bord gegangen wäre. "Jo, vernünftich..." sacht Fiede. Und schon ging es raus auf's Meer. Das Schaukeln könnt Ihr Euch so vorstellen, wie wenn sich eine Schiffsschaukel auch noch um die andere Achse drehen würde. Ich habe mir jedenfalls einige Male den Kopf gestoßen. Ich weiß nicht, was schlimmer war: Die Fahrt selbst oder die Aussage Fiedes: "Auf der Rückfahrt könnt dat n büschen unruhiger werden. Da fahrn wir ja gegen den Sturm." Es folgten 30 Minuten Geschaukel, begleitet von einigen belustigten Blicken von Fiede in unsere Richtung gespickt mit ein paar Kommentaren wie: "Manchmal kippt der auch um...", die die Angst nicht wirklich weniger werden ließen.
Umso größer also unsere Freude, als wir in den "Hafen" der Hallig einliefen, wo uns der Bürgermeister mit einem Trecker abholte, auf dem wir die letzten paar hundert Meter zu den Häusern zurücklegten. Es war dort eine sehr gemütliche Veranstaltung mit fast allen Einwohnern - jedoch überwog bei meinem Kollegen und mir ein bisschen die Angst vor der Rücktour. Das nutzten natürlich die Einheimischen für lustige Kommentare, die uns aber auch nicht lockerer werden ließen. Auch der Anblick des abfahrenden Fiede (er musste ja noch Post austeilen) war alles andere als ermutigend: das Schiff war teilweise zwischen den Wellen verschwunden und tauchte regelmäßig umgeben von riesigen Wasserfontänen wieder auf.
Es nahte die Rückfahrt. Vorher jedoch hat mich der überaus sympathische Bürgermeister zu einem etwas längeren Aufenthalt im Sommer eingeladen. Sehr nett! Werde ich sicher nutzen - wenn es etwas ruhiger ist auf dem Wasser.
Fiede wartete schon auf uns - mit einem netten Grinsen und den Worten: "Na, Jungs, ist n büschen stürmischer geworden...". Zu meiner großen Überraschung war die Rückfahrt nicht annähern so schlimm wie die Hinfahrt. Zumindest hat es mir riesig Spaß gemacht, obwohl ich mir noch öfter den Kopf gestoßen habe, und es noch mehr geschaukelt hat und das Boot hin und wieder völlig im Meer versunken zu sein schien und im Gegenzug von den Wellen in den Himmel gestoßen wurde. Wer "Der Sturm" kennt, weiß, was ich meine.
Nichtsdestotrotz war ich überglücklich, als ich wieder an Land war. Die letzten Minuten der Fahrt waren in Nähe des Festlands so ruhig, dass wir Fiede seine wohlverdiente Flasche Oldesloer Gründermarke überreichen konnten. Er hat uns heil wieder zurück gebracht. Und dafür waren wir ihm sehr, sehr dankbar.
Ich bin jedenfalls noch immer blass und .. shit, hab mich grad mit ner netten Fontäne Bier bekleckert - zu stürmisch getrunken - passt ja - und freue mich, dass es mir gut geht.
Fahrt bitte niemals bei Windstärke 8 mit einem 6-Meter-Postboot auf ne Hallig - es sei denn, Ihr wollt ein richtige geiles Abenteuer erleben!
Es grüßt Euch ein den Tag genießender
JAN
PS: Bilder folgen...